Mesum vor 75 Jahren

Vertreibung und Emigration beendete Geschichte der Firma Schönthal

In ein dunkles Kapitel Mesumer Geschichte führt der Rückblick auf ein Mesumer Unternehmen, das vor genau 75 Jahren abrupt sein bitteres Ende fand. Die Besitzer, die jüdische Familie Schönthal aus Münster, musste auf Grund politischer Verfolgungen und Vertreibung während der NS-Zeit ihren Firmenbesitz unter Wert verkaufen und ins Ausland emigrieren, um Leben und einen Rest von Hab und Gut zu retten. Ihnen zum Gedenken und zur ständigen Erinnerung widmete die Stadt Rheine im Mesumer Ortsteil Feld eine Straße: „Gebr. Schönthal-Straße“.

Beginn gegenüber dem Bahnhof

Für die junge Textilindustrie war es Ende des 19. Jahrhunderts wichtig, die Vorteile des neuen und günstigen Verkehrsweges „Eisenbahn“ zu nutzen. Daher siedelten sie sich unmittelbar in Bahnhofsnähe an: 1888 Eggert&Kettelhack, 1998 Schürmann&Holländer, 1912 Kettelhack. Auch Gröning wollte 1885 dort hin verlagern und erwarb vom Gast- und Landwirt Bernard Feldhaus ein Grundstück gegenüber dem Bahnhof. Das veräußerte er jedoch 1891 weiter an die Firma „Vereenigte Vischhandel“ der holländischen Kaufleute Honing und Boor aus Huizen, die hier die „Holländische Bücklingsräucherei Mesum“ errichteten.

Darüber erzählt auch Josefa Heitmann in ihren plattdeutschen Erinnerungen „Ene Mesumske Oma vertällt von fröher“ in der Folge vom 15. August 1962 in der „Münsterschen Zeitung“ sehr anschaulich: „De üöwerste Mann von de Fischkers hedde Kes. De Möers ut usse Duorp, de en Tröppken Kinner harn, göngen stundenwiese naoh de Reikerie un deihn do arbeiten. Se mossen de grönen Heringe up Schnesen stiäken un de Mannslude höngen de Schnesen dann in den Rauk. So wüörn de Heringe to Bücklinge maket. De Heringe, wo etwas an schiälde, wüören utsortert und de Möers drofen de mit naoh Hus hen niemen. De Mamas harn alle en klein Sacklinnen-Bühlken, daohrin brachten se dann aobends de Heringe mit naoh Hus.“ (Hochdeutsch: „Der Chef der Fischräucherei hieß Kes. Die Mütter aus unserem Dorf, die eine Anzahl Kinder hatten, gingen stundenweise in die Räucherei und arbeiteten dort. Sie mussten die grünen Heringe auf Stöcke stecken und die Männer hingen die Stöcke dann in den Rauch. So wurden aus den Heringen Bücklinge. Die Heringe, die nicht ganz in Ordnung waren, wurden aussortiert und die Mütter durften sie mit nach Hause nehmen. Sie hatten alle einen Beutel aus Sackleinen, darin brachten sie abends die Heringe nach Haus.“)

Die Holländer stellten bereits 1909 ihren Betrieb ein, worauf Feldhaus den Besitz mit Gebäuden zurückkaufte. In den nun leeren Hallen wurden zeitweise im Ersten Weltkrieg französische und russische Kriegsgefangene untergebracht, die Kultivierungsarbeiten im Mesum-Emsdettener Venn ausführen mussten.1920 pachtete dann der 29-jährige Kaufmann Carl Schönthal aus Münster, der eine Fabrik für „Baumwolle, Baumwollabfälle, Linters, Effilocheels, Woll- und Faserabfälle, Fäden, Putzwolle, Kapock“ besaß, das nicht mehr genutzte Gebäude der Räucherei samt Grundstück „zum Einlagern und Verarbeiten von Textilrohstoffen“ und zahlte zunächst für zwei Jahre die Pacht im Voraus.

Über das Unternehmen berichtet Josefa Heitmann an gleicher Stelle: „Dann kam de Rohproduktenfabrik Schönthal up den Platz. Mancheren häff bie Schönthal in de Restlappen herümschummelt; denn de Reste wüören ganz billig to kaupen, un vüör en Kinnerkledken brukt man jä män en Läppken.“ (Hochdeutsch: „Dann kam die Rohproduktenfabrik Schönthal auf den Platz. Manch einer hat bei Schönthal herumgesucht; denn die Stoffreste waren ganz billig zu kaufen und für ein Kinderkleidchen benötigte man nur ein Stückchen Stoff.“)

Das junge Unternehmen in Mesum florierte. Man importierte vorwiegend Rohmaterial aus den Niederlanden und Großbritannien und veredelte diese Produkte, auch im Auftrag der Lieferanten. Krisenzeiten überstand man erfolgreich. Als am 8. Dezember 1923 ein Großfeuer die Produktionsstätte vernichtete, ließ Schönthal sie alsbald neu aufbauen. Fotos zeigen die neue Fassade der Werksgebäude an der Industriestraße, angepasst an dem damals modernen Stil. Auffällig waren neben einigem Ziermauerwerk die vier Lisenen, die die Front harmonisch gliederten und die oberhalb in kleinen Pfeilern mit aufgesetzten Kugeln ausgeformt waren. 1992 wurden die gesamten Gebäude abgerissen, um Platz für Wohnbebauung zu machen.

Ab 1930 kam Bruder Siegfried ins Unternehmen und wurde 1934 Mitinhaber der Firma. Bis 1937 liefen die Geschäfte so gut, dass zwischenzeitlich die Gebäude der 1929/1930 in Konkurs geratenen Textilfabrik Schürmann&Holländer an der Bahnhofstraße mit übernommen werden konnten. Kurz zuvor hatte Kettelhack die dort befindlichen Textilmaschinen erworben. Betriebsleiter wurde Meister Heinrich Möhring.

Ende durch politische Verfolgung und Vertreibung

Als wirtschaftlicher und psychologischer Druck und rassistische und politische Verfolgungen und Repressalien immer stärker wurden, planten die Brüder ihre Ausreise nach Peru und führten Verkaufsverhandlungen mit dem sächsischen Unternehmen Otto Behr aus Werdau. Nach Bekanntwerden ihrer Auswanderungsabsichten wurden ihre Konten für die Reichsfluchtsteuer gesperrt oder einbehalten. Unter großen finanziellen Verlusten erfolgte die Auswanderung im Oktober (Siegfried) und November (Carl) 1938 nach Peru, noch kurz vor dem berüchtigten November-Pogrom („Reichskristallnacht“). Damit sicherten sie sich ihr Leben, während ihre übrige Familie mit den Eltern Carl und Auguste und den Geschwistern Martha, Sophie, Moritz-Carl und Grete, so ergaben die Forschungen von Gertrud Althoff, die sich intensiv mit der Geschichte der jüdischen Familien in Rheine befasste, allesamt in verschiedenen KZs umgebracht wurde.

Die Firma Otto Behr erwarb 1938 die beiden Werksteile und führte sie unter der Leitung des Meisters Heinrich Möhring und dessen Namen selbständig weiter (später Schröder, Vogel&Co). Deshalb sprachen die Mesumer lange Zeit von der „Firma Möhring“.

Jahre nach ihrer Emigration hielten Carl und Siegfried Schönthal aus Lima in Peru noch Briefkontakt zur Familie Backenecker. Dabei schreibt Carl am 15. Mai 1953 u.a.: „Wenn ich auch noch oft an Deutschland denke, so werde ich wohl nicht mehr nach dort kommen, da ich keine Angehörigen mehr in Deutschland habe.“ Auch Siegfried Schönthal äußert sich in einem Schreiben von 1962 nach seinem 70. Geburtstag ähnlich: „Aus Deutschland höre ich nichts mehr, da ja auch meine gesamte Familie umgebracht ist.“ Er besuchte allerdings zwischenzeitlich einmal seine alte Heimat und auch Mesum.

Bilder/Repros: Greiwe

Schönthal 1992 vor AbbruchDas Gebäude der ehemaligen Schönthal-Fabrik an der Industriestraße 1992 vor dem Abbruch

Abbruch 1992Bagger rissen 1992 das nach dem Großbrand 1923 errichtete Fabrikgebäude nieder

Schönthal um 1955Die ehemalige Fabrik Schönthal an der Bahnlinie um 1955 aus der Luft

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